Was man in Lebensläufen lesen kann!
11. März 2011
Erfahrene Personalchefs und Personalberater wissen genau was man aus einem Lebenslauf herauslesen kann. Denn Lebensläufe sind die chronologische Abfolge von Aktivitäten und Ereignissen auf diversen Handlungsfeldern sowie in verschiedenen Lebensbereichen.
Jeder Lebenslauf kennzeichnet die sozialstrukturelle Eingliederung
der betreffenden Person und zeichnet deren gesamte Lebensgeschichte auf.
Weitere wichtige Aspekte von Lebensläufen sind das Aufzeigen von der Verweildauer in bestimmten Berufen und Zuständen sowie die Altersverteilung bei sogenannten Übergangsereignissen. Die Art sowie der Grad der gesellschaftlichen Einbindung in Verbindung mit der Dynamik des individuellen Lebensweges bilden die Grundlagen und Voraussetzungen für die persönliche Ausprägung von allen Lebensläufen. Deshalb sind für die Soziologie individuelle Lebensläufe von Interesse, denn sie bilden als regelhafte dynamische Prägung das muster der Sozialstruktur.
Die meisten Menschen
werden durch geschichtliche Ereignisse, Institutionen und
persönliche Erlebnisse absichtlich oder unabsichtlich gesteuert.
Als sogenannte soziale Aktionen werden die Handlungen durch Wahrnehmungssteuerungen zielgerichtet in bestimmte Bahnen gelenkt. Dadurch wird jeder Lebenslauf eines Menschen Teil und Produkt eines gesellschaftlichen, historisch angelegten Mehrebenenprozesses.
Damit werden auch die wesentlichen
Fragestellungen der Lebenslaufanalyse vorgegeben.
Zum Beispiel zeigen Lebensläufe der zwischen 1940 und 1955 Geborenen die in ihrer Kindheits- und Jugendphase durch die Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit geprägt wurden und die in ihrer Erwachsenenphase zu Wohlstand gelangen konnten, völlig andere Merkmale auf als die Lebensläufe der danach Geborenen. Vergleicht man diese Lebensläufe mit zwischen 1980 und 1990 Geborenen, dann fallen sofort gravierende Unterschiede auf. Während die zwischen 1940 und 1955 Geborenen über eine breit angelegte Allgemeinbildung verfügen und im Berufsleben wenige Wechsel vollzogen – könnte man bei den zwischen 1980 und 1990 Geborenen schon von einem partikular Wissen sprechen. Bereits ab 1985 ist besonders auffällig, dass die Wechselgeschwindigkeit der Arbeitsstellen im rasanten Tempo zunimmt. Haben heute 45-jährige bis zum 7 berufliche Stationen, so wird dieser Wert von heute 34-jährigen mehrfach getoppt. Lebensläufe von bis zu 15 beruflichen Stationen sind keine Seltenheit mehr. Wohlgemerkt – nach dem Eintritt ins Berufsleben im Zeitfenster von maximal 15 Jahren. Das ist eindeutig auf kohorten- und periodenspezifische Sonderbedingungen sowie diversen wirtschaftlichen Überlagerungen zurückzuführen. Daneben gibt es auch andere Ursachen- und Wirkungszusammenhänge, die die Lebensläufe jüngerer Menschen heutzutage verändern:
1.
Die Verlängerung der Ausbildungsdauer und
damit verbunden eine Abnahme von beruflichen Aufstiegen
innerhalb bestimmter Zeitfenster im Arbeitsleben.
2.
Der zunehmende Anspruch jüngerer Menschen
auf selbständige Lebensführung und Führung von individuellen
Partnerschaftsformen, zum Beispiel die Zunahme vorehelicher
Lebensgemeinschaften und die Flucht aus der Ehe.
3.
Das ständige qualifikatorische Abgleichen
der Berufsstruktur sowie die Verarbeitung des
berufsstrukturellen Wandels durch neu in die die Arbeitswelt
eintretende separatistisch, egoistisch geformte Kohorten.
4.
Die dynamischen Werte- und Trendbrüche durch den
Killerkapitalismus sowie durch die Einführung der Agenda 2010.
Viele Studienergebnisse sprechen allerdings eindeutig dafür, dass das, was im Altersfenster zwischen 16 und 26 Jahren passiert, im besonderen Maße für den weiteren Lebensverlauf absolut prägend ist.
Wächst also ein junger Mensch im vorgenannten Zeitfenster – in oder mit einem Exklusionsprozess auf, so darf man davon ausgehen, dass der Verlauf seines weiteren Lebens von Elendsphasen geprägt sein wird. Möglicherweise hat man die Parlamentarier, die damals über die Einführung der Agenda 2010 abstimmen mussten, nicht, oder nicht vollständig, über die wahrscheinlichen Folgen aufgeklärt.
Das vorsätzliche Absenken sozialstaatlicher Absicherung sowie Arbeitsmarktprobleme werden erst beim Berufsaustritt die vernichtende sozialpolitische Wirkung zeigen. Angela Merkel oder Ursula von der Leyen dürften sich dann bereits im politischen Ruhestand befinden und kaum noch zur persönlichen Verantwortung herangezogen werden.
Das Gleiche gilt höchstwahrscheinlich für die überwiegende Anzahl der Parlamentarier, die für die Einführung der Agenda 2010 gestimmt haben. Zwischen 1990 und 1993 waren aber schon die tiefgreifenden Umbruchprozesse im Hinblick auf die Lebens- und Berufsverläufe sichtbar.
Doch wer möchte heute die verantwortlichen Protagonisten zur Rechenschaft ziehen. Helmut Kohl, Norbert Blüm oder Rita Süssmuth befinden sich im letzten Drittel ihres Lebens. Was bringt da für die von der Exklusion betroffenen Hartz IVler noch das Einziehen der Altersbezüge der vorgenannten?
Viel wichtiger erscheint deshalb das auf den Prüfstand stellen der aktuell tätigen Protagonisten und deren Fehlleistungen. Denn wer nicht von der Agenda 2010 abrücken möchte – der sollte vom Volk zur Rechenschaft gezogen werden.
Erst nach der Abschaffung der Agenda 2010 bekommen wir in unserer Heimat wieder Menschen mit stabilen Verläufen ihrer Lebensläufe. Unsere Gesellschaft ist mit einer Reihe von selbstgestrickten Problemen und Fehlentwicklungen konfrontiert, für die herkömmliche politische oder untaugliche soziale Lösungen und Pseudo – Erklärungen nicht mehr zureichend erscheinen.
Die Zugehörigkeit zu sozialen Klassen und Gruppen ist häufig mit sozialen Ungleichheiten verbunden, die zurzeit im fatalen Szenario der sozialen Ausgrenzung enden.
Dies gilt es zu ändern.
