„Die Nachwehen der US – Kriege“
Teil 106
Blauer Davidstern
20. Dezember 2011
Im Orient ist die Kraft der Legenden, die Hoffnung auf Veränderung und die Wirkung von Mythen noch ungebrochen. So hoffen palästinensische Nationalisten noch heute auf die Rückkehr der Flüchtlinge von 1948 und 1967 in ihre Heimat. Das heißt im Klartext in das Kernland des israelischen Staatsgebildes. Auch die Frage, die man immer häufiger in vielen arabischen Staaten zu hören bekommt:
Wie lange dürfen Juden noch an der Klagemauer beten?,
zeigt die wieder aufgeflammte Kritik am Zionismus. Die Preisgabe desTempelberges wurde oftmals von den Kreuzrittern mit der Preisgabe des Heiligen Grabes von Jesus Christus verglichen, so dass die Zweiteilung Jerusalems aus muslimischer Sicht ähnliche Gefühle auslöst. Was die kurz- und mittelfristige US – Außenpolitik betrifft, so haben bisher alle Regierungen und US – Präsidenten im Nahen und Mittleren Osten stets neue politische Baustellen hinterlassen. Nun haben es Araber und Juden ohne Zweifel schon seit mindestens 2300 Jahren nicht einfach.
Der tollkühne Vorstoß
von Barack Obama auf den Iran hat für alle Verantwortlichen
in der Region das Agieren verschärft.
Substanzielle Zugeständnisse an Israel sind nun kaum noch zu erwarten. Für Israel war es bis dahin immer relativ leicht gewesen, die internationale Staatengemeinschaft gegen palästinensische Souveränitätsbestrebungen aufzubringen. Es wird also nicht mehr allzu lange dauern, bis die täglich kleinen Konfrontationen zwischen Arabern und Juden erneut in kriegerische Dimensionen münden. Viele arabische Rhetorik – Attacken sind reine Scheingefechte. Doch tief im Inneren möchte man die Spuren der israelischen Aggression auslöschen.
Man kehrt demonstrativ jeder
israelischen Expansionspolitik den Rücken zu.
Die schwindende Kompromissbereitschaft gegen Israel zeigt wie sehr man unter Israel psychisch und physisch leidet. Radikale Islamisten verkünden wieder lautstark im Netz, dass man den Zionismus zerschmettern wird. Auf welche Weise, so die wortreichen Bekundungen, sei zunächst eine sekundäre Frage. Diesen Verbal – Kriegern gilt nicht die ausgeführte Tat, sondern das Bekenntnis, sie zu vollbringen. Deshalb fällt es ihnen heute auch noch schwer, mit drei verlorenen Kriegen um Israel zu leben. Nach dem dritten arabischen Waffengang gegen Israel wurde zum Beispiel das Königreich Jordanien wieder jenes völlig lebensunfähige Wüstenemirat – das es bis zur ersten Schlacht gegen die Juden immer gewesen war, eine Einöde aus Wüstensand mit unnatürlichen Grenzen, die Englands damaliger Kolonialminister Winston Churchill nach dem Ersten Weltkrieg willkürlich gezogen hatte. Angesichts dieser historischen Begebenheiten vermuten die Israelis, dass sie alle Zeit der Welt zum Warten haben. Man glaubt fest daran, dass die Zeit für Israel arbeitet. Schon vor Jahren eine fatale Fehleinschätzung, denn Israel wird seine Wirtschaft bis zum Äußersten anspannen müssen, wenn man den wachsenden politischen Druck auf unbestimmte Dauer standhalten möchte. Was immer die Zukunft auch bringen mag, mit Israelis Verhandlungen zu führen, bedeutet für alle Araber, dem geheiligten Glaubenssatz abzuschwören, dass der Staat Israel rechtlich nicht existent ist und faktisch zu beseitigen sei. Die arabische Welt lebt quasi noch immer im Zustand der Diskrepanz zwischen der großartigen Vergangenheit, ihrer glanzvollen Gegenwart und der zu erwartenden erbärmlichen Zukunft. Man pendelt zwischen dem unermesslich Reichtum des Erdöls und dem kargen Sandboden der Wirklichkeit hin und her. In dieser unwirklichen, öden Wüstenlandschaft, in der es nur Sonne, Sand und Kamele gibt, hilft allein zwar das gesprochene Wort dem Beduinen seine latente Einsamkeit zu überwinden, doch Politik lässt sich im heißen Wüstensand kaum realistisch gestalten. Man träumt in der Abendsonne vom ehemaligen Glanz der arabischen Universitäten in Bagdad, Córdoba oder Kairo,
die noch im Mittelalter die kargen Bildungsstätten Europas in den Schatten
stellten. Die jahrelange imperiale US – Politik hat den Wandel und die Krise
des so genannten Arabertums beschleunigt. Man hat sich offensichtlich daran
gewöhnen können, den Grund allen Unglücks bei anderen zu suchen.
Mit großer Vorliebe natürlich bei den Israelis.
Der
Aufstand in der Wüste wird also nur noch die Frage nach dem Zeitpunkt
aufwerfen.
Die
aufrührerischen Palästinenser, die phlegmatischen Jordanier oder die
kampferprobten syrischen Nationalisten, die in Israel einen Feind der
arabischen Einheit sehen, werden dabei kaum eine dominante Rolle spielen. Ohne Erdöl
und andere Bodenschätze wurde Jordanien bereits vor Jahren gedanklich
aussortiert. Arabiens Nationalisten aber bauen seit nunmehr 63 Jahren an der
Idee, den 1948 gegründeten Staat der Juden auszulöschen. Dass dies nicht gelang
und geschätzte 120 Millionen Araber nicht mit wenigen Juden bis heute fertig
wurden, nagt am arabischen Selbstverständnis.
Es übersteigt die Vorstellungskraft aller Araber.
So
ist es auch heute vielleicht besser verständlich, dass dieses Märchen in
Ägypten sich noch hält, dass im Krieg des Jahres 2000 amerikanische Piloten für
Israel geflogen sein sollen. Für dieses Kriegsmärchen bedarf für viele Ägypter
keines sachlichen Beweises, denn sonst ist es für sie unvorstellbar, dass die
Israelis ihre Luftwaffe in weniger Stunden außer Gefecht gesetzt haben. Aber bekanntlich halten sich Im Orient Legenden,
Hoffnungen und Mythen über Generationen hinweg am Leben. Diesen imaginären Krieg in den Köpfen der Araber zu beenden,
dazu fehlt allen Beteiligten die Einsicht in die Notwendigkeit.
Wo liegt die Grenze der
friedlicher Koexistenz zwischen Arabern und Juden?
Wo beginnt die Gefahr eines Atomkrieges?
Es
sollte uns alle nachdenklich machen, wenn arabische Kinder noch immer Lieder
mit dem Text singen:
Palästina ist unser Land
und die Juden werden unsere Hunde sein.
Was
würde also ein israelischer Verzicht auf okkupierte jordanische oder
palästinensische Gebiete verändern? Was könnte einen Verzicht zum freien Zugang
zur Klagemauer positives bewirken? Vor allem ein Verzicht auf Jerusalem dürfte
unter den Juden Entrüstung hervorrufen. Andererseits darf Israel nicht darauf hoffen,
alle eroberten arabischen Gebiete behalten zu können. Es herrscht also
Ratlosigkeit im Heiligen Land, denn die Uhr tickt unaufhörlich. Der
wirtschaftliche, politische und militärische Niedergang der USA ist kaum noch
zu stoppen, sodass der amerikanische Plan Israel und Palästina im Orient zu
integrieren ein unvollendeter Wunschtraum in Washington bleiben wird. Schon
heute haben die USA nichts mehr, was man als imperiales politisches Gewicht in
die Waagschale werfen könnte. Möglicherweise wird man sich bereits in wenigen
Monaten in Washington, Tel Aviv, Ramallah, Teheran, Kairo und in Gaza an den
Friedensplan erinnern, über den der
Palästinenser
Yassir Arafat und der Israeli Ehud Barak
mit
der Unterstützung des Amerikaners Bill Clinton verhandelten und der beinahe
vom israelischen Regierungschef Ehud Barak unterzeichnet worden wäre. Denn die
Frage drängt sich auf:
Wie lange kann der blaue
Davidstern ohne US – Protektion
im Orient noch leuchten?
