Das Wort am Sonntag
Demografisches Panikorchester
29. Januar 2012
In den vergangenen 50 Jahren ist die Bevölkerung in unserer Heimat um 13,4 Millionen Menschen angestiegen. Es wird erwartet, dass sich dieser Trend in naher Zukunft umkehrt und in einen sich langfristigen Prozess des Bevölkerungsrückgangs übergehen wird. Vorausberechnungen für die Bevölkerungsentwicklung liefern also auf die Zukunft gerichtete notwendige Informationen für politische, gesellschaftliche sowie für wirtschaftliche Entscheidungsprozesse.
Diese sehr umfangreichen und aussagekräftigen Zahlenwerke, siehe hierzu
Statistisches Bundesamt
Gustav – Stresemann – Ring 11 / 65189 Wiesbaden,
verdeutlichen die Auswirkungen heute bereits angelegter Strukturen sowie die erkennbaren Veränderungen auf die künftige Bevölkerung. Bevölkerungsrelevante Prozesse vollziehen sich in der Regel ruhig und kontinuierlich. Der so genannte
„Pillenknick“
ist nur eine von vielen Theorien zur Erklärung des Abfallens der Geburtenraten in vielen europäischen Ländern. Nach den Baby – Boomer Jahren zwischen 1955 und 1965 wird noch heute fast ausschließlich der Geburtenrückgang mit der Einführung und flächendeckenden Verfügbarkeit der Antibabypille in Zusammenhang gebracht.
Im Jahr 1964 hatte Deutschland 74,954 Millionen Einwohner.
Die Zahl der 1964 geborenen Menschen in unserer Heimat lag bei 1,51 Millionen neuer Erdenbürger, davon waren 742.000 Männer und 709.000 Frauen.
Das so genannte Geschlechter – Verhältnis Männer / Frauen lag bei 0,96. Der Geburtsjahrgang 1964 ist der bisher geburtenstärkste Jahrgang in unserem Land bis heute. Stand 30. April 2011 haben wir in unserer Heimat
81,729 Millionen
Einwohner. Im Vergleich zu Russland, den USA oder auch China kann man, wenn man es tatsächlich wollte, nun „genüsslich“ darüber streiten ob diese Zahl zu wenig sei. Das
demografisches Panikorchester,
unter der Leitung von Professor
Bernd Raffelhüschen,
spielt nun schon seit Jahren unverdrossen die gleiche Melodie von dem baldigen Zusammenbruchs unseres Sozial – Staates. Der Dirigent des demografischen Panikorchester schwingt immer heftiger den Taktstock und mahnt, wenn nicht mehr Kinder geboren werden, dann kann die Last der „ALTEN“ und „ARBEITSLOSEN“ nicht mehr vom Staat getragen werden. Da Dirigent Raffelhüschen oftmals den Taktstock zu heftig schwingt, stehen ihm die Professoren
Rürup und Bofinger
hilfreich zur Seite. Denn die Melodie, die das demografische Panikorchester spielt, klingt oberflächlich betrachtet plausibel – doch nicht alles was Plausibel klingt – ist auch immer richtig. Die Bevölkerungsvorausberechnung umfasst stets mehrere Varianten sowie Faktoren, um zu verlässlichen und überschaubaren künftigen Entwicklungen zu kommen. Der Einfluss der einzelnen demografischen Komponenten wie Geburtenhäufigkeit, Sterblichkeit sowie Wanderbewegungen auf die Bevölkerungsentwicklung sind nur Ausschnitte der Gesamtbetrachtung. Denn nicht die jüngeren Menschen tragen die so dargestellte Altenlast, sondern die im Hochleistungsprozess arbeitenden Erwerbstätigen der mittleren Jahrgänge. Und gerade diese Gruppe kämpft seit Jahren mit den Problemen der
prekären Leih- und Zeitarbeit
sowie der sich schleichend verfestigenden Langzeitarbeitslosigkeit. Hätten sich also die Geburtenraten tatsächlich auf dem Stand von 1964 fortgeschrieben, wie es als wünschenswert – immer und überall – vom demografischen Panikorchester getrommelt wird, dann könnten nach den Simulationsrechnungen zum Stand 30. November 2011 in unserer Heimat rund
105 Millionen
Menschen leben. Die offene und versteckte Arbeitslosigkeit von geschätzten 7,6 Millionen würden dadurch um rund 15 Millionen Menschen angereichert werden.
Die
Alters- und Flächenarmut
wäre schon seit 1995 unser täglicher Begleiter und hätte zum heutigen Stand bereits zur verschärften Ghettobildung geführt, denn die Auswirkungen der sozialen Ausgrenzung und Segregation lassen keine andere Variante der Entwicklung zu. Einmal ganz abgesehen von dem anwachsenden Chaos und Desaster im Bereich der fehlenden KITA – PLÄTZE sowie den nichtvorhandenen Schulen, Lehrern und Ausbildungsmöglichkeiten.
Auf die Idee einer verstärkten Zuwanderung kämen dann nur noch völlig abwegig Denkende. Das Thema Integration von Ausländern in die deutsche Gesellschaft würde sich bei einer angenommenen Bevölkerungsstärke von 105 Millionen Menschen kaum ernsthaft stellen.
Die Lockerung der Einwanderungsbestimmungen für Hochqualifizierte wie Ingenieure oder Programmierer sowie eine Grenzöffnung wie in den Jahren zwischen 1950 und 1965 für die Gastarbeiter, wäre absolut undenkbar. Trotzdem weisen die durchaus wortgewaltigen Protagonisten der
Angstmacher – Clique
[ sprich: demografisches Panikorchester ]
darauf hin, dass 2030 zwei Erwerbstätige für einen Rentenbezieher aufkommen müssen. Dirigent Raffelhüschen und seine fleißigen „Mitspieler“ im demografischen Panikorchester wollen uns mit ihren Studien und Hochrechnungen das Fürchten lehren. Doch Professor
Bernd Raffelhüschen
lehrt uns im Kern etwas ganz anderes. Und zwar die unverrückbare Tatsache, dass die hochproduktive Volkswirtschaft „überzählige“ Erwerbswillige als Arbeitslose, Leiharbeiter, Hartz IV – Empfänger oder Frührentner ausgestoßen hat. Es gibt also dem Grunde nach keinen engen Zusammenhang zwischen demografischem Wandel und sozialer Sicherung, denn die deutsche Wirtschaft bezieht den größten Teil der Produktnachfrage aus dem Ausland von einer stetig wachsenden Weltbevölkerung.
MADE in GEMANY
ist überall auf der Welt gefragt wie nie zuvor.
Demzufolge ist ein Geburtenrückgang
in aktiven Industrieländer mit gesunden sozialen Systemen
kein Problem, sondern die Problemlösung.
Die Altersstruktur der Bevölkerung ist nur eine Komponente für die soziale Sicherung. Andere Komponenten sind die ununterbrochene Beteiligung am Erwerbsleben, wie auch der Anteil erwerbstätiger Frauen, denn dadurch gibt es mehr Beitragszahler – allerdings später dann natürlich auch mehr Rentenempfänger. Dagegen verschärft man mit der Erhöhung Arbeitslosenzahl sowie durch das Anwachsen der prekären Leih- und Zeitarbeit eine Erwerbs- und Einkommensminderung. Nicht zuletzt durch die Gier nach Profiten und die damit verbunde Herabsetzung der Löhne, Gehälter und die Arbeitsplatzvernichtung verstärkt sich das negative Szenario. Diese Einflußfaktoren
haben nichts mit der Altersstruktur unserer Gesellschaft zu tun. Solche
„nichtdemographischen Veränderungen“
sind aber in keiner Weise voraus zu schätzen und werden hauptsächlich durch das permanente, quasi krankhafte Effizienzstreben der Banker, Börsianer und Manager befeuert. Es ist kein Treppenwitz der Ökonomie und auch keine Traumdeuterei des DRSB, dass die „ach so“ vergreisten Menschen in Japan und in Deutschland das weltweit höchste Produktionsniveau aufweisen. Durch diese Logikbrille betrachtet müsste also der Wohlstand bei uns „nur so“ sprießen und unserer Sozialsysteme nicht zu erschüttern sein. Bedauerlicherweise ist es aber nicht der Fall, denn mit der Einführung der Agenda 2010 und Explosion der prekären Leih- und Zeitarbeit wurde die stattfindende demografische Transformation von der Politik – vermutlich – vorsätzlich in die Katastrophe getrieben.
Die Relationen zwischen Alt und Jung werden sich ohne Zweifel stark verändern. Zum Jahresende 2005 waren 20% der Bevölkerung jünger als 20 Jahre und auf die 65-Jährigen und Älteren entfielen 19%. Die restlichen 61% stellten Menschen im so genannten Erwerbsalter zwischen 20 bis unter 65 Jahre. Im Jahr 2050 wird dagegen nur etwa die Hälfte der Bevölkerung im Erwerbsalter jedoch über 30% werden 65 Jahre oder älter sein.
Nur noch geschätzte 15% sollen dann unter 20 Jahre alt sein.
Wer aber von den heute 16 Jahre alten Menschen in unserer Heimat das Rentenalter erreichen wird, das kann selbst der rührige Hellseher aus dem Breisgau [ Bernd Raffelhüschen ] nicht vorrausagen. Denn bereits mehr als 25% der europäischen Kinder sind extrem fett- und übergewichtig und leben in der Gefährdungszone des
Diabetes Typ 2.
Mehr als 20% der über Achtzehnjährigen in unserer Heimat erfüllen nach den veröffentlichten Berichten die Diagnosekriterien des so genannten
Metabolischen Syndroms,
das eindeutig zur Vorstufe der Diabetes gezählt wird. Das metabolische Syndrom ist heutzutage der wohl entscheidende Risikofaktor für Herzkrankheiten. Fettleibigkeit, Bluthochdruck sowie veränderte Blutfettwerte führen immer häufiger zu einer
Insulinresistenz.
Die damit verbundene sinkende Lebenserwartung nimmt auch in unserer Heimat zu. Die Lebensspanne künftiger Generationen könnte dadurch erheblich verkürzt werden. Einmal ganz abgesehen von Epidemien oder Pandemien, die zurzeit kaum vorhersehbar sind, haben wir unsere Probleme mit den kollabierenden Sozialsystemen hausgemacht. Das Desaster hat einen Namen und ist eindeutig zu identifizieren. Mit den Angst- und Panikliedern, die das
demografisches Panikorchester
ständig spielt, hat es nicht das GERINGSTE zu tun. Denn diese Leidens – Arien heißen:
unstillbare Gier, ungesundes Profitstreben,
systematische Arbeitsplatzvernichtung und AGENDA 2010.
Die vorgenannten Lieder möchte oder darf der Dirigent des demografischen Panikorchesters – Bernd Raffelhüschen – nicht spielen.
Angstmachen und Furchteinflössen scheint diesem Protagonisten aus dem Breisgau auch viel einfacher und einträglicher zu sein.
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