Das Wort am Sonntag
Nach dem Profit
16. Oktober 2011
Verschlafen wir gemeinsam als das Industrievolk des 19. und 20. Jahrhunderts unsere Zukunft? Ruhen wir uns auf der Technik der Vergangenheit aus? Diese Fragen sind nach Gottlieb Daimler, Carl Benz, Werner von Siemens, Justus von Liebig und Max Planck durchaus berechtigt, denn bei der Verteilung naturwissenschaftlicher Nobelpreise können wir in unserer Heimat nur noch andere Staaten bewundern. Wenn es jemals eine Nation gab, die leichtfertig ihre Zukunftschancen vergab, während die Welt ins 21. Jahrhundert fortschreitet, dann ist es ohne Zweifel Deutschland. Zuerst haben wir ab 1965 ohne jede Not die lukrativen Märkte für Fernsehen, Videorecorder, Halbleiter, Stahl und Schiffbau an Japan, Korea, Thailand und Taiwan abgegeben. Und in den Bereichen High Technology, also Computer, Roboter, Telekommunikation, Bauelemente, Halbleiter und Consumer Electronics hatten wir nie eine dominante Führungsrolle. Selbst auf den Zukunftsmärkten der Automobile sind wir mit aller Kraft dabei, die Führung zu verlieren. Unsere Großindustrie ist Weltmeister in konventioneller Technik. Die Zukunftsmärkte mit elektronischer Massenware, die Entwicklung von Gentechnik und Computern sowie IT – Wissenschaften haben sie verschlafen. Wir blieben zwar bis heute das exportfreudigste Land der Welt, aber an moderner Technologie müssen wir noch vieles schnell nachholen. Früher brummte es
an unseren Küsten, in den Seehäfen wurden modernste Schiffe gebaut. Heute stehen die Signale schon seit Jahren auf Sturm. Beim Bau von modernen Seeschiffen haben uns die Asiaten gnadenlos abgehängt. Rund 70% des Weltschiffbaus spielt sich im Fernen Osten ab. Die Werften, unser einstiges Glamourgewerbe der Küstenregionen, sind seit Jahrzehnten klinisch tot. Wir sitzen seit Jahren quasi zwischen Baum und Borke. Denn was immer nach dem Zweiten Weltkrieg an technischen Massenerzeugnissen neu auf die Märkte geworfen wurde, kam überwiegend aus dem asiatischen Wirtschaftsraum. Und was immer an sogenannten Uralttechniken ohne jede besondere Raffinesse hergestellt werden kann, erledigen heute die asiatischen Schwellenländer. Mit uns als brave Zuschauer verlagerte man Schritt für Schritt und mit wachsendem Tempo die Produktionszentren, die Kapitalsammelstellen sowie sichere Langzeitarbeitsplätze von Europa nach Asien. Der Warenumschlag über See, besonders der eingehende Stückgutverkehr, gilt als Messziffer für die Exportherrlichkeit der Asiaten nach Europa und den USA. Diese Messziffer zeigt nach seit Jahren nach oben und ist spiegelverkehrt die Messlatte für den Verlust von sicheren Langzeitarbeitsplätzen.
BMW, Mercedes oder VW produzieren trotz bester Lage auf dem europäischen Kontinent in Übersee, besonders in den USA, Brasilien und Mexiko. Jeder sichere Arbeitsplatz dort lässt in unserer Heimat die Leiharbeit, Mini – Jobber und Aufstocker weiter „aufblühen“. Den Rest erledigt die Agenda 2010 bei uns. Man eilt zwar von Verkaufsrekord zu Verkaufsrekord – quasi Wachstum ohne Ende.
Doch wem nützt dieses Wachstum noch?
Befragte man zwischen 1965 und 1985 abhängig Beschäftigte.
Nützt Ihnen das Wachstum unserer Wirtschaft?
So antworteten überall in unserer Heimat spontan
87% mit einen deutlichen JA!
Stellt man genau die gleiche Frage heute, dann antworten ebenfalls sehr spontan
87% mit einem klarem NEIN!
Unsere Wettbewerbsfähigkeit, unser wirtschaftliches Wachstum hat als
Wohlstandsmaßstab
in den letzten 25 Jahren erheblich nachgelassen. Wir haben Beschäftigung und sichere Langzeitarbeitsplätze ohne Ende verloren – insbesondere an die Asiaten.
Die Früchte unserer Arbeit sowie unser Geld brachten Amerikas Zukunftsindustrie rasch nach vorn. Es liegt zwar schon etwas länger zurück, doch bei elektronischen Bauelementen lagen die USA noch 1980 mit 35% Weltmarktanteil an der Spitze, gefolgt von den Japanern mit 29%. Die Europäer wurden bereits damals mit rund 15% weit abgehängt. Bei den Bauelementen der Mikroelektronik besitzen die US – Firmen noch einen Marktanteil von 50%. Für die Europäer blieben bis heute lediglich ganz magere 10%. Im Bereich Software, elektronischer Datenverarbeitung, IT – Systeme und SOCIAL MEDIA ist der Vorsprung der USA zurzeit noch größer. Auf dem Gebiet der
Gen – Technologie, deren industrielle Verwertung Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts im Westen der USA begann, stehen wir Deutschen einsam und verlassen da. Deutschland – der Pionier auf dem Gebiet der künstlichen Düngemittel, der organischen und der anorganischen Chemie, der Kunststoff- und Chemiefasertechnik muss asiatisches und amerikanisches Know – Hows teuer einkaufen. Man kann die Augen davor nicht mehr verschließen:
Deutschlands Großunternehmen haben in der Computertechnik, in der Datenverarbeitung, der Software und in der Halbleitertechnik den Anschluss an die Weltmärkte völlig verschlafen.
Zufall? Oder System?
Trotz enormer öffentlicher Forschungsgelder fehlt uns nach wie vor der direkte Zugang zur Spitzenforschung und Spitzentechnologie.
Zufall? Oder System?
Nicht nur in Qualität, Fortschrittlichkeit, Dynamik und Service gelte es mit anderen zu konkurrieren, so das Credo mancher Spitzenmanager.
Zufall? Oder System?
Die sozialen Belastungen der Großunternehmen, die im Vergleich zur internationalen Konkurrenz überhöhten Lohnstückkosten sowie das extrem hohe Lohnniveau und die vergleichsweise geringe Ausnutzungszeit technischer Anlagen kämen belastend hinzu. Denn auch der Preis – Kosten – Wettbewerb spiele im Wettkampf der Kontinente eine Rolle.
Zufall? Oder System?
Denn spätestens, wenn nicht mehr die tatsächlich Personalkosten je geleistete Arbeitsstunde, sondern die Rohstoffpreise den Preis – Kosten – Wettbewerb bestimmen, dann zählen wieder perfekt ausgebildete Facharbeiter. Wer die dann zur rechten Zeit am richtigen Platz hat – der macht das Rennen. Dieser Unterschied macht für die Zukunft einen doppelten Produktionskostenvorteil aus, mit dem man den horrenden Transportkostenaufwand für den „Reiseverkehr“ von halbfertigen Waren nicht mehr rechtfertigen kann. Nur wer demnächst hohe Qualität preiswerter anbieten kann und mit hohem Engagement, großer Fleiß und hoher Leistungen seiner Mitarbeiter aufwartet, wird noch Zukunftsmärkte erobern können.
Made in Germany
ist so eine Marktlücke. Das Gejammer nach immer mehr Profit der sogenannten Investoren muss korrigiert werden.
Made in Germany
hat auf den Weltmärkten weder Ansehen noch Respekt verloren. Mit innovativen
Bildungseinrichtungen, einer neu auszurichtenden Sozialpolitik und überzeugenden Wirtschaftskampagnen können wir verhindern, dass die Nation der Dichter, Erfinder und Denker eine zweitrangige Industrienation wird.
Für verfrühte Untergangsstimmung gibt es dann keinen Grund mehr. Kein anderes Land, mit Ausnahme von China, übertrifft unsere Heimat in den absoluten Zahlen der Ausfuhren. Denn der sogenannte Fertigwarenexport bleibt die eigentliche Stärke des Industriestandortes Deutschland. Im Export von Automobilen, elektrotechnischen Erzeugnissen, feinmechanischen und optischen Instrumenten, von Flugzeugen und Maschinenbau, bringen wir Deutsche auch in Zukunft erstklassige Werte.
Der Ruf nach der deutschen Technologie, der Ruf nach Spezialmaschinenbau sowie der Ruf nach Energie – Systemen der Zukunft wird verlässliche Verbindungen überall in der Welt herstellen. Besonders die mittelständischen Betriebe werden mit ihren diversen Spezialitäten, die niemand sonst in der Welt so gut und so preiswürdig herstellen kann, auf allen Märkten weiterhin kräftig punkten. Als besonders innovativ gelten deutsche Ingenieure auch im Bau größerer Industrieanlagen wie Raffinerien, chemischer Fabriken, Kraftwerke, Stahlwerke und komplexer Kommunikationsnetze.
Weniger abgeschlagen als die meisten Analysten es vermuten, sind wir Deutschen
bestens gerüstet für die Zeit nach dem Erdöl.
Denn noch immer ist eine weitere Stärke der Menschen in unserer Heimat neben Spitzenleistungen bei den Technologien, die pünktliche Ablieferung, der zuverlässige Service und die harmonischen Gesamtpakete. Der tot geglaubte Prozess des Leistungswillens ist neu und elementar in Bewegung geraten.
Gewinne müssen bei US – Konzernen schnell kommen, lange Anlaufzeiten bei technischen Neuerungen sind unpopulär. Sie schaden vorgeblich dem Ansehen der Unternehmensführer, die alle Vierteljahr an der New Yorker Börse ihre Bilanzen abliefern müssen und dafür positive Zahlen brauchen. Davon sollten wir uns in unserer Heimat recht bald verabschieden.
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