Das Wort am Sonntag
„PERVITIN”
[ Neue pharmazeutische Waffe? ]
31. Oktober 2010
Alkoholmissbrauch war und ist zu jede Zeit immer ein gesellschaftliches Problem.
Mehr als 12 Gramm Alkohol pro Tag, das entspricht einem Glas Wein oder zwei bis drei Glas Bier, gefährden nach Angaben der
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
[ BZgA ]
bereits die Gesundheit eines erwachsenen Menschen. Neuesten Untersuchungen zur Folge soll in unserer Heimat bereits jede fünfte Frau zwischen 45 und 54 Jahren regelmäßig zu viel Alkohol konsumieren. Schon das lieb gewonnene Glas Wein am Abend kann auf Dauer zur Alkoholabhängigkeit führen. Laut BZgA ist das Alkoholproblem nicht mehr nur auf männliche Personen fokussiert, sondern erfasst exponentiell ansteigend die weibliche Bevölkerung. Gemäß der Studienergebnisse
sind rund 370.000 Frauen in unserer Heimat alkoholkrank. Dabei ist besonders besorgniserregend, dass auch Mädchen und junge Frauen zunehmend zum Alkohol als billige Gesellschaftsdroge greifen. So mussten im Jahr 2008 mehr als 2400 Mädchen im Alter zwischen zehn und 15 Jahren mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt werden. Obwohl nachweislich der Konsum von Alkohol seit 30 Jahren abnimmt, trinken immer mehr Menschen exzessiv. Das so genannte
„Kampfsaufen”
ist dabei lediglich ein kleiner Aspekt der gesellschaftlichen Problemzone.
Jugendliche Trinker wollen einen
„kontrollierten Kontrollverlust”
gezielt herbeiführen, um dadurch die Alltagssorgen zu vergessen. Doch in den meisten Fällen gelingt das nicht. Der Anteil der volltrunkenen Mädchen nimmt bedenklich stark zu. Richtige Alkoholvergiftungen stiegen in der Gruppe der Zehn- bis 15-Jährigen allein zwischen 2008 auf 2009 um satte 22%. Bei den Jungen immerhin noch um 19%. Ganz offensichtlich greifen die Kontrollen des Jugendschutzgesetzes nicht mehr so, wie gewünscht. Und bei Erwachsenen gibt es keine Präventivmöglichkeiten außer der Aufklärung zum Alkoholmissbrauch.
Doch ist Alkohol
das einzige schwerwiegende gesellschaftliche Suchtproblem in unserer Heimat?
Sind nur Heroin oder Kokain die Gefahr?
Welche Droge könnte Alkohol, Kokain oder Heroin ersetzen?
Offensichtlich unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit nimmt die Tschechische Republik bei Herstellung und Handel mit der Droge Pervitin einen Spitzenplatz in ganz Europa ein.
Pervitin,
das in unserer Heimat auch als Crystal bekannt ist [ siehe DRSB - Artikel ] wird aus einer Substanz gewonnen, die üblicherweise in diversen Grippe -Medikamenten steckt. Da dieser Verkauf der Medikamente nicht rezeptpflichtig ist, sind Kontrollen kaum möglich. Fast unbemerkt verurteilte das Stadtgericht Prag einen Apotheker wegen illegalen Handels mit Medikamenten, die Pseudoefedrine enthielten, zu acht Jahren Gefängnis unter verschärftem Vollzug.
Außerdem muss der Apotheker umgerechnet knapp 118.000,00 Euro Strafe zahlen und darf die kommenden zehn Jahre nicht mehr in seinem Beruf tätig sein.
Eine zu harte Strafe?
Eher NEIN! Denn in nur drei Jahren verkaufte der verurteilte Apotheker an vier Personen rund sechs Millionen Tabletten, die den Wirkstoff zur Drogenherstellung enthielten. Die
Tschechische Apothekenkammer
[ ČLnK ]
begrüßt das Strafmaß, denn die harte Strafe ist ein exemplarisches Urteil, das auch zur Abschreckung vor ähnlichen Handlungen dienen könnte. Zurzeit gibt es in Tschechien rund 2500 Apotheken. Den veröffentlichten Ermittlungsergebnissen zur Folge wurde ein übermäßiger Verkauf von Medikamenten mit dem Drogenwirkstoff bei rund 20 Apotheken festgestellt. Das florierende Geschäft mit der drogenhaltigen Substanzen ist in Tschechien dadurch begünstigt, dass man bis zu 60 Tabletten eines Medikaments mit Pseudoefedrine im Monat rezeptfrei kaufen kann. Es reicht die Vorlage des Personalausweises. Weitere Daten werden aber nicht gespeichert, denn ein Gesetz zur Datenspeicherung wurde auf Druck der Datenschutzbehörde wieder einkassiert.
Ist mit der Verurteilung
des Apothekers das Problem gelöst?
Eher NEIN! Denn die tschechische Polizei hat bereits mehr als
340 Pervitin – Labors
lokalisiert und ausgehoben. Der Chef der Antidrogenzentrale erklärte, dass die Zahl der Drogenküchen, in denen die illegale Droge
Pervitin
[ Crystal Speed ]
produziert wird, in der Wirklichkeit noch wesentlich höher ist. Doch was verbirgt sich hinter dem Begriff „Pervitin” und welche Verbreitung hat bereits in unserer Heimat stattgefunden?
In den USA und Japan forschte man nach dem ersten Weltkrieg verstärkt an der Entwicklung von Amphetaminen. Mitte der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erwies sich die Herstellung immer noch als äußerst schwierig. In unserer Heimat verstärkten deshalb die Berliner Temmler – Werke in den 30er des vorigen Jahrhunderts Jahren ihre Forschungsanstrengungen auf diesem Gebiet. Erst 1937 gelang dem Chemiker Fritz Hauschild der Durchbruch. Fritz Hauschild entdeckte ein besonders effektives Amphetamin, das Methylamphetamin. Der Wirkstoff war so „GUT”, dass die Temmler – Werke noch im gleichen Jahr ein neues Medikament unter dem Namen
Pervitin
auf den Markt brachte. Da im Jahr 1937 bereits die Vorbereitungen für den zweiten Weltkrieg auf Hochtouren liefen, wurde auch die Wehrmacht auf das neue Medikament aufmerksam und führte mit Medizinstudenten diverse Tests durch. Neben der Beseitigung des Schlafbedürfnisses führte
Pervitin
auch zu einer erheblichen Steigerung des Selbstbewusstseins sowie zu einer deutlichen Anhebung der Risikobereitschaft. Von allen getesteten Wirkstoffen versprach man sich von
Pervitin
den größten militärischen Nutzen. Bekanntlich überrannte 1939 die Wehrmacht in weniger als vier Wochen Polen.
Pervitin
war mittlerweile in allen Truppenteilen so bekannt, dass viele Soldaten es privat mit sich führten. Ob nun Panzer- und Lastkraftfahrer, Piloten, Infanteristen oder Wachsoldaten – alle wollten mit Pervitin ihre Leistungsgrenzen verschieben und die Angst unterdrücken. Nach dem Polenfeldzug überrollte die Wehrmacht in einem ungeheuerlichen Tempo auch noch Frankreich. Die britische Presse kommentierte
damals den so genannten Westfeldzug:
„Die Deutschen nutzen eine Wunderpille”.
Die pharmazeutische Waffe ermöglichte es den deutschen Generälen, durch die aufgeputschten Soldaten geradezu übermenschliche militärische Leistungen zu erbringen.
„Hitlers – Kampfdroge”
wurde in extrem grausamen Menschenversuchen an KZ – Häftlingen getestet, damit man die richtige Dosierung für deutsche Soldaten finden konnte. Aus alten Heeresberichten ist zu ersehen, dass übermüdete Kindersoldaten, die tagsüber die Schule besuchen und nachts die Flakstationen bedienen mussten,
Pervitin
auf ausdrücklichen Befehl verabreicht bekamen. Auch für Marine und Luftwaffe gehörte die pharmazeutische Waffe zur Standardausrüstung. An der besonders hart umkämpften Ostfront sorgte die teuflische Droge, trotz gravierender Nebenwirkungen und erheblicher Suchtgefahr, für das Durchhalten vieler Soldaten. Nach der Beendigung des zweiten Weltkriegs war
„Hitlers – Kampfdroge”
bis 1956 auf allen Schwarzmärkten eine sehr gefragte Handelsware. Die Rolle als leistungsförderndes Kampfmittel rettet sich offensichtlich bis in die Gegenwart.
Es wird viele DRSB – Leser völlig überraschen, aber die pharmazeutische Waffe
Pervitin
gehörte auch nach dem zweiten Weltkrieg lange Jahre zur Standard – Ausrüstung der Bundeswehr sowie der Nationalen Volksarmee der DDR. Man wollte in beiden Armeen auf die Steigerung des Selbstbewusstseins sowie auf die Erhöhung der Risikobereitschaft nicht verzichten. Nachdem
ROT / GRÜN
die ersten Kriegseinsätze nach dem zweiten Weltkrieg ermöglichte, wird auf Grund der gemachten Erfahrungen, besonders in Afghanistan, erneut über den Einsatz des leistungsfördernden Kampfmittels nachgedacht. Doch
„Hitlers Kampfdroge”
hat in vielen gesellschaftlichen Gruppen bereits den Alkohol in unserer Heimat verdrängt, denn der Effekt der erheblichen Leistungssteigerung wird gerne in Anspruch genommen. Immer häufiger kommt es bei jungen Menschen im Alter von 26 bis 35 Jahren zu unerklärlichen
BURN - OUTS,
die womöglich in einigen Fällen auf chemische Leistungsförderer zurückzuführen sein könnten. Dieses Ausbrennen war auch den Militärärzten der Wehrmacht bekannt, die es in Verbindung mit dem Medikament Pervitin brachten. Schlaflos und ständig bereit zu geistigen sowie körperlichen Höchstleistungen, verkraftet selbst der gesunde Körper nur für sehr kurze Zeit. Insofern ist
„PERVITIN”
keine neue pharmazeutische Waffe, sondern die Wiederentdeckung einer kostengünstigen und problemlos herstellbaren Droge für das Volk. In den Berichten der BZgA kommt
„Hitlers Kampfdroge”
noch nicht vor, obwohl die Bedrohung der Volksgesundheit bekannt sein müsste.
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