Versagen die Eliten?
Teil 57
Neubildung sozialer Milieus
08. April 2011
Armut in Jemen, Rumänien, der Ukraine, den USA oder Mosambik unterscheidet sich ohne jeden Zweifel gravierend von der rapide wachsenden Armut in unserer Heimat.
Armut
in einem reichen Land ist für die von der Armut Betroffenen demoralisierender und deprimierender als in den eingangs aufgeführten Staaten. Besonders für Kinder und Jugendliche, die dem sozialen Druck ihrer Gruppe und Spielkameraden ausgesetzt sind, ist Armut wie eine Verbannung aus der normalen Gesellschaft. Hinzu kommen die ungebremsten Einflüsse der Werbeindustrie und der TV – Sender, die mit ihren imaginären Bildern von der Gesellschaft für noch stärkere Abgrenzung sorgen. Der in den Medien und in der Politik ständig verwendete völlig perverse Begriff
Transferleistungsempfänger
vermittelt sogar den Eindruck, dass die von Armut Betroffenen sich auf Kosten der Allgemeinheit ausruhen. Dabei haben alle abhängig Beschäftigten in die gesetzliche Renten- oder Arbeitslosenversicherung eingezahlt und haben einen Verbrieften Anspruch auf Versicherungsleistungen. Denn wer zum Beispiel sein Auto zu Schrott fährt und Vollkasko versichert ist, der erhält auch im Regelfall seine vereinbarten Versicherungsleistungen und ist kein schmarotzender
Transferleistungsempfänger
auf Kosten der Versichertengemeinde. Es ist deshalb unverständlich und ungerechtfertigt, dass Politiker sozial Benachteiligte und Hartz – IVler in ihrem reduzierten Lebensstandard zusätzlich ächten. Die oft beschworene soziale Hängematte hat es niemals gegeben und ist eine böswillige Erfindung der Neoliberalen. Arbeitslosengeld II – Bezieher [ Volksmund: Hartz IV ] oder Sozialhilfeempfänger sind keine Sozialschmarotzer und brauchen sich für den kümmerlichen Erhalt, der ihnen zustehenden kümmerlichen Versicherungsleistungen nicht zu schämen. Noch immer dominieren in den Massenmedien jene Armutsbilder, die stark geprägt sind vom Massenelend der sogenannten Dritten Welt oder in Teilen der USA. Daraus abzuleiten, dass zum Beispiel Hartz – IVler in unserer Heimat quasi wie die Maden im Speck leben, ist an Böswilligkeit kaum noch zu steigern. Statt die sozialen Ungleichgewichte und deren Ursachen- und Wirkungszusammenhänge herauszuarbeiten und für die sofortige Abstellung zu Voten, sind selbst die Journalisten der öffentlich rechtlichen Sendeanstalten nicht in der Lage. Viel eher neigt man dazu, die wahren Gründe für die aufziehenden Armutsbilder zu verschweigen.
Arm
sind aber nicht nur die Menschen in unserer Gesellschaft, die für längere Zeit die physische Existenz für sich oder ihre Familien nicht mehr gewährleisten können, sondern im Besonderen auch diejenigen armen Menschen, die aufgrund anhaltender materieller Defizite kaum noch den durchschnittlichen Lebensstandard der Gesellschaft halten können. Denn davon direkt Betroffenen fehlt außer sicherer gut bezahlter Arbeit und ausreichend Geldmittel auch die Entscheidungsmöglichkeit, sich selbst aus dem Teufelskreis zu befreien. So wächst aus der monetären Armut schleichend die mentale sowie soziale Armut und führt zu Kontaktarmut sowie Resignation. Eine brisant, ja extrem gefährliche Mischung, wenn man an die Jahre vor 1933 und danach bis 1945 zurück denkt. Da sich seit rund vier Jahren die Erscheinungsformen der Armut ständig verändern, wird es zwingend notwendig gegenläufige Entwicklungstrends in Gang zu setzen. Davon sind zurzeit besonders die Politiker der CDU / CSU, SPD, FDP und die GRÜNEN Lichtjahre entfernt. Statt Missbrauchsdebatten auf Stammtischniveau und Stimmungsmache gegen Arme sowie gegen unseren noch in Fragmenten vorhandenen Sozialstaat zu machen, sollten die Verantwortlichen sich über die Folgen der angerichteten Fehlleistungen Gedanken machen und für sofortige Abhilfe sorgen. Ein weiteres Ärgernis für immer mehr Menschen in unserer Heimat sind die Journalisten, die statt über die belastenden Probleme der Menschen zu berichten, nahezu mit Wollust darüber fabulieren, welche vermeintlichen Probleme der Sozialstaat macht. Ignoranz ist immer der Anfang von Veränderungen, denn wenn sich
soziale Milieus
herausbilden, die es vorher „so” nicht gab, ist der gesamte Verfall unserer Gesellschaft lediglich noch eine Frage von wenigen Jahren. Zuerst zerbröselt die sogenannte Mittelklasse und reißt in dem folgenden Erosionsprozess die große Masse mit sich. Radikaler sozialer Wandel, radikale Veränderungen und Umwälzungen erhalten dann wieder eine historische Dimension. Darin ist das totale Versagen unsere selbsternannten Eliten zu suchen.
