„Die Nachwehen der US – Kriege“
Teil 105
Gefährlicher Irrtum
09. Dezember 2011
Kein europäischer Politiker bringt offenbar den Mut auf, die Dinge beim Namen zu nennen. Die meisten Araber sind ohnehin davon überzeugt, dass die drakonischen Wirtschaftssanktionen gegen den Iran hauptsächlich das Ziel verfolgen, eine Überflutung des Marktes mit persischem Erdöl möglichst lange hinauszuzögern.
Nach Lybien hält man sich bedeckt und mit kritischen Äußerungen über die USA zurück.
Man wartet geduldig ab, was mit Syrien passieren wird.
Das illusorische Demokratiegerede in Ägypten und Lybien hält man sowieso für eine rasch vorrübergehende Erscheinung in der Region. Sollten also die USA oder etwa die NATO ernsthaft versuchen, das noch vorhandene Machtmonopol in Syrien oder Iran zu beseitigen, dann könnten sie eine Entwicklung lostreten, die weit gefährlichere Ausmaße annehmen könnte als im Irak oder in Afghanistan.
Da die iranische Armee mit starken Verbänden
im ganzen Land präsent ist, könnte ein militärisches Eingreifen der
USA zu einem weiteren militärischen Desaster führen.
Gleiches scheint auch in Syrien möglich zu sein. Nach der Ansicht der iranischen Führung sollen US – Agenten an der Bewaffnung und Ausbildung von wilden Partisanenhaufen beteiligt sein, doch solche Maßnahmen zeigen lediglich die Unkenntnis oder die Unverfrorenheit des Pentagons in persischen Region. Im Pentagon gebärdet man sich demzufolge etwas martialischer als im State Department. Bis heute sind im Iran oder in Syrien alle Attentats- oder Putschpläne der CIA auf Kläglichste gescheitert. Die Wunschvorstellung von einer demoralisierten Bevölkerung im Iran oder in Syrien gehört in das Traumland der US – Politiker. Ein militärischer Präventivschlag gegen Teheran, der unlängst noch so manchen Politiker in Washington oder in Tel Aviv vorschwebte, wird sich der ohnehin wirtschaftlich und politisch schwer angeschlagene Barack Obama verkneifen. Denn ein Scheitern von Amerika wäre gleichbedeutend mit dem Scheitern von Israel. Wer also völlig losgelöst von jeder Logik Massenvernichtungswaffen gegen den Iran richtet, der muss mit der totalen Vernichtung von Israel rechnen. Das übliche Kriegsgeschrei der USA gegen die Mullahkratie führt schon heute zum kritischen Dialog in allen islamischen Ländern.
Man sollte die Solidarität
der sogenannten Umma keinesfalls unterschätzen.
Denn welche Religion und Ideologie bringt es heute noch zustande, Staaten, wie zum Beispiel
Kasachstan, Usbekistan, Pakistan, Nigeria oder auch Indonesien,
zusammenzuführen?
In den aufgeführten Staaten zählt es zu den besonderen Merkmalen des Islams, dass Staat und Religion auf das Engste verbunden sind. Es wird die US – Politiker bis tief ins Mark schockieren, dass ihre vorgeblich extrem zuverlässigen Partner in Saudi – Arabien, Jordanien und sogar in der angeblich laizistischen Türkei im Kern der Bevölkerungen den Antizionismus pflegen. Der ständig präsente US – Imperialismus, besonders in Saudi – Arabien und in der Türkei, sowie das Kriegsgeschrei gegen den Iran könnte für die Nachfolger des Ayatollah Khomeini von großem Nutzen sein. Völkerrechtlich betrachtet könnten die Saudis oder die Türken auch amerikanische Stützpunkte in ihren Ländern wieder schließen. Selbst ein überraschender Ausstieg der Türkei aus der NATO muss man im aktuellen Szenario ins Kalkül ziehen.
Eigentlich müssten die Alarmglocken in Washington nur so schrillen, denn mit militärischen oder fragwürdigen Geheimdienstmethoden wird die Sicherheit oder sogar die israelische Souveränität kaum herzustellen sein.
Die Volksrepublik China sowie auch Russland können ihrerseits, quasi wie in einer Theaterloge, die unvermeidliche hegemoniale Ohnmacht und den völligen Niedergang der ehemaligen Supermacht USA beobachten. Die islamische Staatenwelt der Zukunft wird sich die politischen Frechheiten der Amerikaner nicht länger bieten lassen. Iran hat den Lauf der Weltgeschichte noch in keinster Weise verändert, doch wenn die USA weiterhin agressive Signale senden, dann könnte so etwas alle Rivalitäten im islamischen Lägern überdecken.
Die Verlockung wird in Ankara
immer größer, die vermeintlichen Segnungen der Europäer gegen die goldene Zukunft bei den muslimischen Brüdern einzutauschen. So, wie sich zurzeit die Prozesse abbilden lassen, ist der Kemalismus, also die konsequente Ausrichtung der Türkei auf Europa, längst schon reinste Makulatur und ein politisches Programm der Vergangenheit.
Die USA zerschlagen mit ihrer hemdsärmeligen Politik noch jeden Rest von Frieden im nahen und mittleren Osten. Damit würden sich in Zukunft unerträgliche, vollkommen veränderte geographische Perspektiven ergeben. Die USA haben damals während der
Operation Wüstensturm
die Schiiten sowie die Kurden im Irak, die zum Aufstand gegen Saddam Hussein bereit waren, sträflich im Stich gelassen. So ein Verhalten spricht sich schnell herum und setzt sich in den Köpfen fest.
Ein gefährlicher politischer Fehltritt,
ein gefährlicher Irrtum, der seine volle Wirkung demnächst
entfalten könnte.
