Versagen die Eliten?
Teil 48
Was ist Freiheit wirklich?
08. September 2010
Für die meisten Menschen in unserer Heimat und in vielen Teilen Europas ist es heute unverständlich, ja nahezu unglaubwürdig, dass noch im 18. Jahrhundert in Europa die Adelshäuser und ihre Monarchen durch Folter, staatliche Einschüchterung und willkürliche Verhaftungen „IHRE” Völker regierten. Sieht man heute den Glanz und die Herrlichkeit der Königshäuser in Dänemark, England, den Niederlanden, Spanien oder auch Schweden und Norwegen, dann ist die Verblendung groß, dass man nicht hinterfragen möchte, wie so viel Reichtum und Ländereien zusammengekommen sind.
Begonnen hatte alles mit der Vergabe von Land und territorialer Herrschaft an verdiente Vasallen der neuen römisch – deutschen Kaiser seit Karl des Großen. Die so in den Adelsstand Erhobenen mussten für ihre Privilegien noch richtig etwas tun und das alte germanische Gefolgschaftsrecht konnte durchaus auch von unten nach oben wirken. Denn in diesen rauen Zeiten konnte ein Adelstitel auch wieder schnell einmal aberkannt werden. Mit dem beginnenden Feudalismus pervertierte sich der Adel zusehends als
privilegierter und gieriger Schmarotzer
einer vererbbaren Titulararistokratie, die sich nur noch auf die Ausbeutung der ihr anvertrauten Menschen und Güter beschränkte. Lediglich die niedrig eingestufte Ritterschaft musste man in einigen Fällen ausnehmen, da sie täglich, genauso wie ihre Untertanen, zum eigenen Überleben im Dreck wühlen musste. Heutzutage sind die meisten wohlhabenden Adelshäuser überwiegend damit beschäftigt, ihr durch Ausbeutung angesammeltes Vermögen zu verwalten. Ob nun alle Landadeligen,
die sich um die Verwaltung ihres Grundbesitzes kümmern, noch als reich bezeichnet werden können, sei dahingestellt. Die Geschichte des europäischen Adels ist aber keinesfalls ein Ruhmesblatt der europäischen Geschichte.
Unterdrückung, Raub, Willkür oder Mord
führte bekanntlich dazu, dass die Gründungsväter der USA aus dieser repressiven Gesellschaftsform flohen, um ihren Kinder und Enkelkindern ein Leben in Freiheit zu bieten. Dennoch wird von vielen Menschen in unserer Heimat der Adel als etwas Besonderes angesehen und auch von den Medien regelmäßig gefeiert. Die Gründungsväter der USA teilten höchstwahrscheinlich diese Ansicht nicht und würden vermutlich beim Lesen von heutigen Zeitungen und Magazinen der so genannten
„Yellow Press”
vor Erstaunen den Mund kaum schließen können. In einigen amerikanischen Geschichtsbüchern ist nachlesbar, dass in vielen Debatten über die Verfassung und die
Bill of Rights
immer wieder die Angst durchschimmerte vor unkontrollierbaren Politikern und einer sich ausbreitenden Exekutive. Trotzdem oder gerade deswegen nahmen sie das Risiko auf sich, durch Folter und Ermordung durch die englische Krone sanktioniert zu werden, nachdem sie die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet hatten. Man war plötzlich ein freies Land mit allen Vor- und Nachteilen. Nach nunmehr sechs Jahrzehnten der deutschen Demokratie neigen viele Menschen dazu, Demokratie als etwas zu betrachten, das völlig normal und unvergänglich ist. Eine solch gefährliche Naivität oder grob fahrlässige Bequemlichkeit kann der
Tyrannei des Kapitals
sehr schnell Tür und Tor öffnen. Der zunehmende Neoliberalismus manövrierte unsere Gesellschaft bereits in äußerst gefährliche Zonen der
ALLES – oder NICHTS – Kategorien,
so dass es nur ein kleiner Schritt bis zum kapitalistischen Totalitarismus ist. Im Hinblick auf Gewaltdiktaturen, die mit diversen Herrschaftsinstrumenten und Staatsterror die Bevölkerung unterdrücken und jede demokratische Bewegung zerstören, besteht zur
Tyrannei des Kapitals
dann kaum noch ein größerer Unterschied. Aber der Autoritarismus des „süßen” Kapitals kommt in vielerlei Verkleidungen daher, so dass die
Tyrannei des Kapitals
für viele Menschen zunächst als akzeptabel erscheint. Erst wenn diese fragwürdigen Systeme ihr wahres Gesicht zeigen, beginnt für die meisten Menschen in unserer Heimat der soziale Notstand. Folter, staatliche Einschüchterung und willkürliche Verhaftungen sind dann nicht mehr länger das obsolete Privileg von Adelshäusern, sondern die Instrumente eines wildwachsenden
Neoliberalismus.
Die meisten Menschen in unserer Heimat empfinden es heute bereits als wohltuend, dass sich die FDP nach der Bundestagswahl 2009 umgehend als durch und durch neoliberale Partei geoutet hat. Da weiß man, woran man ist. Wer dieses System und das damit verbundene Szenario möchte, dem steht es in unserer Demokratie frei, eine solche Partei zu wählen. Wer allerdings die Vermutung mit sich herumträgt, dass durch die FDP möglicherweise die
Tyrannei des Kapitals
gefördert wird, muss seine Wahlstimme einer anderen Partei geben. Doch welche Partei in unserer Heimat betreibt oder steht für eine fortschrittliche und nutzmehrende Politik für alle Menschen? Entwickeln sich nicht einige so genannte Eliten zu
privilegierten und gierigen Schmarotzern
der Neuzeit? Denn der freiheitliche Mechanismus der voneinander abhängigen exekutiven, legislativen und judikativen Gewalten in einem Staat, sind nur so zuverlässig wie der Charakter der Menschen, die diesen Mechanismus als Volksvertreter zu schützen hat.
Was passiert aber, wenn
Parlamentarier ihre Aufgaben ignorieren?
Oder sich sogar auf Dauer
unbeschränkte Macht erschleichen und sich in dem System „fürstlich” einrichten möchten?
Die weisen Väter unserer Verfassung konnten sich ein solches Szenario nicht vorstellen, dass die Menschen in unserer Heimat jemals in ihrer Wachsamkeit nachlassen würden. Man vertraute offensichtlich darauf, dass wir das kostbare demokratische System hegen und pflegen würden, so dass zu keiner Zeit despotische Netzwerker an die Macht kommen können. Die weisen Väter unserer Verfassung vertrauten darauf, dass wir die gewonnene
Freiheit
genauso hoch schätzen wie sie es damals nach dem „Dritten Reich” taten. Das zeigt allen Menschen in unserer Heimat, wie hoch der Preis der Freiheit ist und Tag für Tag eine nicht nachlassende Wachsamkeit einfordert. Denn was wirklich
Freiheit
wert ist, erfährt man spätestens dann, wenn man sie verloren hat.
Noch haben wir in unserer Heimat
die Zeit und die Möglichkeit, das Blatt zu wenden.
Sollten aber die
Tyrannei des Kapitals und der Neoliberalismus
die Oberhand gewinnen, könnte es zu spät sein. Nach seinem Besuch in der ehemaligen DDR wird heute noch gerne Michail Gorbatschow überall mit dem Jahrhundertspruch zitiert:
Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!
Unsere Heimat könnte sehr leicht zu einem Staat werden, in dem es stiller und ängstlicher zugehen kann. Stillere und ängstlichere Menschen bedeuten aber das jähe Ende unserer
Freiheit.
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