Das Wort am Sonntag
Die Welt ist nicht genug
22. Januar 2012
Die Fakten sind und bleiben unbestritten. Der globale Killer – Kapitalismus hat die Reichen seit Jahren „verwöhnt“ und den Abstand zu den Ärmsten erheblich vergrößert. In den Industriestaaten wird die Fraktion der dekadenten
SCHICKI MICKIS
immer größer, während anderswo vielen die Kraft und die Möglichkeit fehlt, sich das tägliche Brot zu verdienen. Die „globale“ Konzentrationswelle hat komplette Branchen erfasst, die über alle Zeitzonen rund um die Uhr produzieren können. Diese Wirtschaftskonglomerate sind in der Regel riesig groß, völlig undurchschaubar und kaum mehr steuerbar. Das macht die globale Weltwirtschaft enorm krisenanfällig, so dass man dringend neue Spielregeln benötigt, damit das „globale“ Unternehmen Größenwahn nicht vollständig kollabiert.
TOTAL GLOBAL.
Dieses kapitalistische Dogma beherrschte das Denken und Handeln von Analysten, Börsengurus und Investmentbankern in den zurückliegenden 25 Jahren.
Die Welt schien nicht genug zu sein.
Nun bilden sich weltweit „globale“ Protestgruppen, quasi eine vollkommen neue Protestgeneration gegen den Neoliberalismus und gegen den Killer – Kapitalismus. Plötzlich werden die schlimmsten Befürchtungen wahr. Mit dem international agierenden Demonstranten hat die Protestbewegung gegen die Globalisierung, gegen das Investmentbanking und gegen den Killer – Kapitalismus an Fahrt zugelegt. Es sind nicht mehr die bezahlten Berufsdemonstranten der NGO’s, die man schnell enttarnt, isoliert und dann zu Zuschauern degradiert. Griechenland befindet sich zurzeit quasi in einem permanenten Ausnahmezustand und könnte sich durchaus zu einem
Bürgerkriegsgebiet entwickeln. Die bereits gnadenlos geführten Straßenschlachten führten zu Dutzenden von Verletzten auf beiden Seiten. Vorbei ist die Zeit als man nahezu „friedlich“ mit Sprechchören, Megaphonen, Transparenten und Trillerpfeifen durch die Straßen zog. Ein Szenario das von Athen flashlikeartig auf Rom, Paris, Brüssel, Warschau oder Berlin jederzeit überspringen kann. Die friedlichen Zeiten, wo man auf vielen T – Shirts lesen durfte,
„Widerspruch“ oder „Wir sind dagegen“
sind vorbei. Die zentrale Botschaft der Proteste ist im Fokus immer die gleiche:
Stoppt das globale Unternehmen Größenwahn.
Denn immer weniger Menschen erhalten immer mehr Macht und setzen sie nicht zum Wohle der Menschen ein. Der wachsende internationale Widerstand ist mehr als ein Haufen versprengter Demonstranten gegen die globale Spaßgesellschaft. Analysiert man die unterschiedlichen Strömungen, dann stellt man sehr schnell fest, dass im Kern eine ideologische Gesellschaftskritik alten Stils wachgerufen wurde.
Doch wie lässt sich Wohlstand
organisieren, der wirklich alle Menschen erreichen kann?
Wem gehört die Welt tatsächlich?
Den Amerikanern? Den Europäern? Den Russen?
Oder sogar den Chinesen?
Das Zurückerlangen der Kontrolle über das eigene Leben, raus aus den anonymen Multikonzernen und weg mit den molochartigen Politiknetzwerken, scheint das Ziel der Menschen in den unterschiedlichen Euroländern zu sein. Den Politikern, Bankern oder Managern traut diese neue Protestgeneration alles zu. Jedoch nicht den Willen, sich mit
Veränderungen anzufreunden. Politiker, Banker oder Managern gelten als Komplizen.
Quasi die neoliberalen Netzwerke gegen das Volk.
Man beschuldigt die Mächtigen, von den Regierungen gegründeten Institutionen wie IWF, WTO oder Weltbank, sich nur um die Interessen der Unternehmen zu kümmern. Nach der Ansicht der anwachsenden Protestbewegungen schaden weltweite Aktivitäten von IWF, WTO oder der Weltbank der Umwelt, den Menschen und insbesondere den Armen sowie sozial Ausgegrenzten. Es wird auch bei uns nicht mehr allzu lange dauern, bis sich Gewerkschaften und echte Umweltschützer der unaufhaltsamen Bewegung anschließen. Denn noch nie zuvor waren in Europa so viele Menschen ohne sicheren Arbeitsplatz.
So etwas steigert die Effizienz der Gefühle und der Wut.
Ein geschlossenes ideologisches Programm hatten die Sektoren – Protestler noch nicht im Gepäck, aber die kollektive Philosophie entwickelt sich zu einem festen Band des Verstehens. Es ist also kein Zufall, dass die neuen Bewegungen gerade jetzt an Gewicht gewinnen.
DIE WELT IST NICHT GENUG!
Dieser dem Grunde nach extrem dekadente Spruch von „James Bond“ – im gleichnamigen Film – verunsichert heute die Gesellschaft. Hinzu kommt eine schwer kranke Weltkonjunktur, die sich nicht dazu entscheiden kann, ob sie sterben oder gesunden soll. Und plötzlich und nahezu unverhofft fällt einigen Politikern in Berlin auf, dass die neoliberale Globalisierung keineswegs automatisch ein Beglückungs- oder sogar Wunschprogramm für die Mehrheit der Bevölkerung sein kann. Es ist schon quasi wie bei der Französischen Revolution – als die Bastille gestürmt wurde.
Damals wussten die Mächtigen
in Paris auch nicht, was am nächsten Tag passiert.
Denn in unserer Welt, in der alles mit allem in Netzwerken zusammenhängt, greift jede isolierte Betrachtung zu kurz. Was höchstwahrscheinlich bleiben wird ist ein sehr
merkwürdig anmutender Konservatismus. So zieht man neue Zäune und findet den Weg in den Neo – Protektionismus. Da kommt viel Destruktives auf Europa und auf unsere Heimat zu und Banker, Börsianer, Industrie- und Versicherungskonzerne müssen sich auf eine vollkommen neue Gangart einstellen.
________________________
Ihre Leserzuschriften und Leserinformationen können für alle DRSB – Leser eine wesentliche Ergänzung zu unserer Berichterstattung sein.
Bitte schreiben Sie uns Ihre Kommentare
als Brief, Telefax oder E – Mail.
Der DRSB e.V. freut sich auch über Hintergrund- und Insiderinformationen, auch wenn sie nicht zur Veröffentlichung unter dem Namen des Informanten bestimmt sein sollten.
Wir sichern unseren Lesern absolute Vertraulichkeit zu!
Wünsche nach Anonymität werden durch den DRSB e.V. respektiert und gewahrt.
